Home | english  | Impressum | Sitemap | KIT
Logo


Öffnungszeiten Sekretariat
Di. - Do.  9:00 - 12:00 Uhr

Das Ideal des Nichts

Nichts

Zwischen Abstraktion und Armut

Wahlfach im Master (4 ECTS)
donnerstags, 14:30 - 16:00
Raum R 211

Das Seminar ist auch für Studierende der Kunstgeschichte offen.

Prof. Dr. Georg Vrachliotis
Dipl.-Ing. Bernita Le Gerrette
Dipl.-Ing. Meike Weber

Treffen: 22.10.2015


Wir leben in einer Welt des Überflusses. Es gibt immer mehr von allem und jederzeit. Unser Wirtschaftssystem basiert auf dem Prinzip des kontinuierlichen Wachstums: mehr Geld, mehr Macht, mehr Platz, mehr Freunde, mehr Information, mehr Möglichkeiten.

Es gibt jedoch auch die alternative Tradition, die in einem Gegensatz zum „Bigger, Better, More“ steht: das Ideal des Nichts. Der Literaturwissenschaftler H.U. Gumbrecht beobachtet in diesem Zusammenhang eine Spannung zweier gegenläufiger Dynamiken: „der Insistenz auf Konkretheit, Körperlichkeit und Präsenz des menschlichen Lebens“ gegenüber der „radikalen Spiritualisierung als Reduktion von Raum, Körper und sinnlichem Kontakt mit den Dingen der Welt.“

Diese Gegendynamik zur Präsenz zeichnet sich durch Werte aus, die sich durch Reduktion definieren: Minimierung, Optimierung, Entmaterialisierung, Verknappung, Verzicht. Das Nichts selbst bleibt ein unmöglicher Endpunkt, unerreichbar. Das Notwendige wird gegen das Unnötige verhandelt, das Sichtbare gegen das Unsichtbare. Dabei lassen sich in verschiedenen Bereichen Entwicklungslinien beobachten, die sich durch die Kulturgeschichte ziehen: Die neu-entstehenden Kooperativen, die sich über soziale Netzwerke zusammenfinden und organisieren, stehen in einer Tradition mit den Kollektivierungsbestrebungen der Moderne und den Mönchsorden des Mittelalters; die aktuelle Entmaterialisierung der Architektur durch dünne Hightech-Membranen, ist eine Weiterentwicklung der hängenden Konstruktionen Frei Ottos und der Maxime „Less is More“ von Mies van de Rohe ebenso wie den Auflösungstendenzen des Crystal Palaces von John Paxton oder der gotischen Konstruktionen; die Cloud ist in einer Tradition mit den Konzepten Malevichs für eine gegenstandslose Welt oder den spirituellen Strömungen der Lebensreformbewegung lesbar.

Das Seminar widmet sich diesen Tendenzen der Subtraktion, Auflösung und Entmaterialisierung mit seinen unterschiedlichen Aspekten und Ausprägungen, wobei die aufgezeichneten Entwicklungslinien kulturtheoretisch und philosophisch befragt und bis in die Gegenwart aufgezeigt werden. Die Veranstaltung ist als intensives Lektüre- und Rechercheseminar konzipiert. Ziel ist es, sich kritisch mit den unterschiedlichen architektonischen Strategien und Konzepten auseinanderzusetzen, die mit dem Ideal des Nichts verbunden sind.