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Wintersemester 2011/2012

Prinz Charles. Architektur & Politik
Prinz Charles

Seit seiner vernichtenden Rede zur gegenwärtigen Baukultur vor dem Royal Institute of British Architects 1984 tritt Prinz Charles in unregelmäßigen Abständen als erster Kritiker des Commenwealth öffentlich immer wieder in Erscheinung. In seiner Publikation „A Vision for Britain“ stellt der Prince of Wales sein Sehnsuchtsbild nach Merry Old England der High Tech Architecture eines Cool Britannia gegenüber. Als Verfechter eines neotraditionalistischen Städtebaus und einer konservativen Architekturauffassung baut der Monarch, unterstützt von seiner Prince’s Foundation und seinem Prince’s of Wales Institute of Architecture, an einer eigenen Idealwelt.

Im Fall der Modellstadt Poundbury/Grafschaft Dorchester konnte der Prince of Wales mit seiner Garde postmoderner Architekten, u.a. die Gebrüder Rob und Leon Krier, ein Abbild einer kleinteiligen gemütlichen englischen Stadt im Grünen und einer ausgewählten Bewohnerschaft realisieren. Der Rückgriff auf das Modell der Gartenstadtbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts lässt sich hier als Anknüpfungspunkt an die englische Tradition verstehen, sowie als Ideal eines neu formulierten Weltenbilds. Die Kontroverse um Poundbury findet ihre Gleichzeitigkeit in der amerikanischen Städtebaudiskussion eines New Urbanism. Beide Strömungen lassen sich in ihren Ursprüngen in der Gartenstadtbewegung finden, jedoch unter verschiedenen Zielvorstellungen und Voraussetzungen. Es war der Disney Konzern, welcher den New Urbanism als konsumfreudigen Massengeschmack für sich entdeckte, doch lässt sich heute eine eigenständige fest etablierte Bewegung in Amerika unter den Architekten und Stadtplanern festmachen. Der New Urbanism ist unlängst als Erfolgsmodell (?) auch in Europa angekommen: die auf  einem mittelalterlichen Stadtgrundriss angelegte Retortenstadt von Rob Krier in Brandevoort/Niederlande oder die Hegehof-Terrassen im klassizistischen Stilkostüm in Hamburg. Kann man bei diesen Travestien des Künstlerischen von einer Disneyfizierung als globale Realität sprechen?! Im Blickfeld der Kritik des Prinzen liegt der gewaltige Stadtumbau Londons mit dem Verlust der historischen Stadtsilhouette durch die Hochhausplanungen in den Bankenvierteln der City of London und Canary Wharff sowie einer wachsenden Eventisierung der Innenstadt zum Themenpark. Wichtige Entscheidungen zur Entwicklung Londons lassen sich in der Politik der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher festmachen, u.a. mit der totalen Zerschlagung der Planungsinstrumente/-institutionen zu Gunsten eines neoliberalen Marktradikalismus. Tony Blairs „New Labour Regierung“ versuchte mittels Institutionen wie CABE oder Design Council Planungshoheiten für die Politik zurückzugewinnen oder zumindest moderierend in Erscheinung zu treten. Dies wird aktuell durch die drastischen Sparmaßnahmen der Cameron Regierung in Frage gestellt. Ein Konflikt des Paradigmenwechsels? Als Berater von Tony Blair für das Design Council und Stellvertreter einer High Tech Architektur nimmt der Londoner Architekt Lord Richard Rogers of Riverside als Gegenpart zu Prinz Charles öffentlich zum Baugeschehen in London Stellung. Musste er unlängst am eigenen Leibe die Kritik des Monarchen an seiner Planung für die Chelasea Barracks in London über sich ergehen lassen und sogar auf Anraten des Prinzen mit dem Verlust des Auftrags auskommen. Sein Konzept der „Urban Renaissance“ für den ökologischen und technologiefreundlichen Stadtumbau Londons stößt, trotz gemeinsamer Interessen in punkto Nachhaltigkeit, auf des Prinzen schärfsten Widerspruch. Das Auftreten und das Rollenverständnis seiner Majestät auf der Bühne der Alltagspolitik ist zwiespältig. Nach Verfassung liegt den Mitgliedern des königlichen Hauses eine aktive Beteiligung in der Politik fern.

Mit welch königlichem Potentat ist aber der Prinz ausgestattet, dass sogar das deutsche Feuilleton (Hanno Rauterberg, Baut auf den Prinzen!, 2009) sich nach der Wiedereinführung der Monarchie sehnt. Ruft die Polis nach dem Prinzen?

Das Seminar untersucht die politischen Netzwerke sowie Debatten und fragt nach den historischen sowie gegenwärtigen Leitbildern von Stadt, Architektur und Gesellschaft. Eine Exkursion nach London fand im März 2012 statt.

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Netz. Organisationsform und Leitmetapher
Netz

Darstellung: Frei Otto, Wegenetz

Netze gelten als besondere Form der Raumkonstruktion. Als Netzwerke können sie sowohl natürlich als auch technisch sein und lassen gerade deshalb die tradierte Unterscheidung von Natur und Kultur fraglich werden. Einerseits sind Netze einfache abstrakte Artefakte aus Knoten, Verknüpfungen und Relationen, andererseits ermöglichen und organisieren sie fortwährend neue vielschichtige Handlungs- und Erfahrungsräume. Die raumverwaltende Eigenschaft von Netzwerken wird besonders mit Blick auf die Geschichte von Infrastrukturen deutlich. Im 19. Jahrhundert hatten natürliche Räume neue Strukturen erhalten, die in erster Linie von technischen Netzwerken konstruiert und organisiert wurden: Karten, Diagramme und Graphen brachten Landschaften und Städte erstmals topographisch in einen systematischen Zusammenhang, Verkehrs- und Transportsysteme veränderten die Erreichbarkeit und Bedeutung von Ortschaften grundlegend und Kommunikationssysteme ordneten Daten- und Informationsflüsse und kontrollierten das Wissen als neue gesellschaftliche Ressource. Diese infrastrukturelle Vernetzung des Raumes brachte nicht nur neue Wahrnehmungsformen von Architektur und Stadt hervor, sondern legte auch die Grundlagen für eine medientechnisch kontrollierte Verwaltung der Umwelt, als Modellierung und Simulation. Mitte des 20. Jahrhundert begann eine neue Blütezeit der Netze. Im Licht von Automation, Kybernetik und Industriellem Bauen entwarfen Architekten Raumstrukturen, Wohnkapseln und globale Kommunikationssysteme. „Vernetzung“ hieß das Zauberwort, das in der damaligen Faszinationsrhetorik nicht selten in einem Atemzug mit der Auflösung des architektonischen Objektes und der Entmaterialisierung der Architektur genannt wurde.
Heute strahlt der Begriff eine eigentümliche Vertrautheit aus. Nicht trotz – sondern gerade wegen dieser Vertrautheit soll erneut nach dem Bedeutungsspektrum von Netzen/Netzwerken gefragt werden. Wie lässt sich heute über Netze von einem architektonischen Standpunkt aus diskutieren? Wie bedingen sich Netzwerk und Infrastruktur? Und welche Rolle spielt der Begriff des Netzes für den Entwurf städtebaulicher und gesellschaftlicher Utopien? Es geht um eine kritische Annäherung an einen Begriff, dessen Vielschichtigkeit das gesellschaftliche Selbstverständnis der Architektur und Stadtplanung grundlegend geprägt hat und zu einer schillernden Leitmetapher der Gegenwart avanciert ist.
 
Im Seminar steht eine begriffs- und architekturgeschichtliche Betrachtung von Infrastruktur-
netzen im Mittelpunkt. Ziel des Seminars ist, erstens, einen Überblick über das historische Gefüge zu bekommen, aus dem Infrastrukturnetze in Deutschland und Europa in den letzten 150 Jahren entstanden sind - kulturell, geographisch, politisch. Und, zweitens, anhand konkreter Fallstudien, Bausteine für ein infrastrukturell vernetztes Stadt- und Architekturverständnis zu entwickeln.
 
Diese Lehrveranstaltung bildet den Auftakt zur Veranstaltungsreihe „Architektonische Grundbegriffe zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie“. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Technisierung nicht nur die Praxis der Architektur, sondern auch ihre Sprachlichkeit, also die Art und Weise wie man über Architektur spricht und diskutiert verändert. In der Veranstaltungsreihe werden deshalb eine Auswahl jener Begriffe zur Debatte gestellt, die im aktuellen Diskurs eine zentrale Rolle spielen. Ziel ist es, sich mit interdisziplinären Denkmodellen von Architektur zu befassen, sie historisch zu kontextualisieren und kritisch zu reflektieren. Mit Blick auf die technischen und kulturellen Bedingungen der architektonischen Praxis geht es darum, sich begriffliche Kartierungen der Gegenwart zu erarbeiten und nach den Grundlagen einer zeitgenössischen Theorie der Architektur zu fragen.

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