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Zwischen Pop, Propaganda und Pädagogik – Atombilder im Wandel der Gesellschaft

Zur Ikonografie des Atoms zwischen Atomeuphorie
und Antiatomkraftbewegung der 1950er bis 1970er Jahre in der BRD am Beispiel des Werks des Grafikers und Architekten Rolf Lederbogen 

Im Weltbild der Moderne verkörperte Technik die Befreiung von der Natur und von der Metaphysik. Der Mensch wurde durch die systematische Nutzung der Naturkräfte zum Schöpfer, eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen für alle schien die propagierte Konsequenz. Die Atomenergie in ihrer fast klinischen Sauberkeit und vermeintlichen Unerschöpflichkeit avancierte zum Inbegriff der Moderne – einerseits. Andererseits zeigte sie in Zeiten des Kalten Krieges die Gefahr einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes auf und war dadurch prädestiniert, auch Symbol einer Gegenbewegung zur Moderne zu werden. Kaum eine Technologie polarisierte die Gesellschaft seit den Nachkriegsjahren so sehr wie die Atomkraft – auch weil die Entwicklung der „friedlichen Kernenergie“ nicht ohne die Atombombe gedacht werden kann. Die aus dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung der frühen fünfziger Jahre herrührende Atomeuphorie erwies sich als labil und der gesellschaftliche Rückhalt in der Bevölkerung kippte.

Das Verständnis der Moderne, insbesondere das Ästhetisieren der Technik, manifestierte sich hauptsächlich in der Kunst und Architektur. Gegenstand dieses Forschungsvorhabens ist es zu prüfen, ob diese beiden Disziplinen von Seiten der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik gezielt für Strategien instrumentalisiert wurden, um die Stimmung in der Öffentlichkeit zugunsten der Atomtechnik zu manipulieren. 

Neben einem Blick auf die Thematik des Atoms in der Architektur liegt der Fokus auf dem grafischen Werk des Designers, Architekten und Lehrers Rolf Lederbogen (1928–2013). 

Als Student an der Werkakademie Kassel wurde Lederbogen von Heinrich Lauterbach, Hans Leistikow, Hermann Mattern und Ernst Röttgen unweigerlich mit den Traditionen des Bauhauses konfrontiert. Er lebte sowohl als freischaffender Grafiker wie auch als Hochschullehrer die Idee des disziplinübergreifenden und universalistischen Konzeptes und verkörperte in seiner Person das Ideal der Synthese aus künstlerischen und handwerklichen Praktiken. In den 1950er Jahren war er an den Planungen zur EXPO ´58 in Brüssel in der Abteilung Städtebau des deutschen Pavillons beteiligt und als Kind seiner Zeit geprägt vom Technikfortschritt und Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit. Unter diesen Vorzeichen entwickelte er ab 1964– 1974 in freiberuflicher Tätigkeit die Corporate Identity, gestaltete Druckschriften und konzipierte Ausstellungen zum Thema „friedliche Nutzung von Kernenergie“ für kerntechnische Gesellschaften wie den Lobbyverband „Deutsches Atomforum Bonn“.

Das Schaffen des Bauhausschülers zweiter Generation wird beleuchtet, um Fragen zur Relevanz der Darstellung des Atoms in Kunst und Architektur unter dem Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit und des Lobbyismus exemplarisch zu erörtern. Im Fokus der Arbeit steht die Ikonografie des Atoms an der Wende von der nachkriegsmodernen zur postmodernen Gesellschaft. Lässt sich eine Kohärenz zwischen dem gesellschaftlichen Stand der Atomkraft – von bedingungsloser Akzeptanz bis zur absoluten Ablehnung – und der Inszenierung der Atomthematik grafisch wie auch auf architektonischer Ebene nachzeichnen? Wie positionierte sich die Kunst im machtpolitischen Interagieren von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik? Welche Rolle nahmen die Medien ein – in einer Zeit, in der das Fernsehen für die breite Masse zugänglich wurde?