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Zwischen Pop, Propaganda und Pädagogik – Atombilder in Grafik und Architektur im Wandel der Gesellschaft

Abbildung: Sequenzielle Darstellung des Kernspaltungsprozesses. Copyrights: Werkarchiv Rolf Lederbogen, saai/KIT.

 

Zur Ikonografie des Atoms zwischen Atomeuphorie und Antiatomkraftbewegung der 1950er bis 1970er Jahre in der BRD am Beispiel des Werks des Grafikers und Architekten Rolf Lederbogen

Im Weltbild der Moderne verkörperte Technik die Befreiung von der Natur und von der Metaphysik – die Vision einer radikalen menschlichen Autonomie. Der Mensch wurde durch die systematische Nutzung der Naturkräfte zum Schöpfer, eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen für alle schien die propagierte Konsequenz. Die Atomkraft ist in vielerlei Hinsicht ein Extremfall moderner Technologien. In ihrer fast klinischen Sauberkeit und vermeintlichen Unerschöpflichkeit avancierte sie nach 1945 zum avantgardistischen Projekt einer sauberen und modernen Zukunft – einerseits. Andererseits zeigte sie in Zeiten des Kalten Krieges die Gefahr einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes auf und war dadurch prädestiniert, auch Symbol einer Gegenbewegung zur Moderne zu werden. Kaum eine Technologie polarisierte die Gesellschaft seit den Nachkriegsjahren so sehr wie die Atomkraft – auch weil die Entwicklung der „friedlichen Kernenergie“ nicht ohne die Atombombe gedacht werden kann. Die aus dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung der frühen fünfziger Jahre herrührende Atomeuphorie erwies sich als labil und der gesellschaftliche Rückhalt in der Bevölkerung kippte.

Neben ethischen und ökologischen Diskursen fordert die Atomkraft fundamentale Ansprüche an Gestaltung. Es stellen sich Fragen nach Strategien des Sichtbarmachens, die das mit Risiken und Unsicherheit behaftete Unsichtbare in der Gesellschaft verhandelbar machen, beziehungsweise grundlegender nach der Visualisierung einer technizistischen Hegemonie. Das Verständnis der Moderne, insbesondere das Ästhetisieren der Technik, manifestierte sich hauptsächlich in der Kunst und Architektur. Gegenstand dieses Forschungsvorhabens ist es zu prüfen, ob diese beiden Disziplinen von Seiten der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik gezielt instrumentalisiert wurden, um die Stimmung in der Öffentlichkeit zugunsten der Atomtechnik zu manipulieren.

Neben dem Blick auf die Thematik des Atoms in der Architektur liegt der Fokus auf dem grafischen Werk des Designers, Architekten und Lehrers Rolf Lederbogen (1928–2013). Als Student an der Werkakademie Kassel wurde Lederbogen von Heinrich Lauterbach, Hans Leistikow, Hermann Mattern und Ernst Röttgen unweigerlich mit den Traditionen des Bauhauses konfrontiert. Er lebte sowohl als freischaffender Grafiker wie auch als Hochschullehrer am Lehrstuhl „Grundlagen der Architektur“ der TH Karlsruhe die Idee des disziplinübergreifenden und universalistischen Konzeptes und verkörperte in seiner Person das Ideal der Synthese aus künstlerischen und handwerklichen Praktiken. In den 1950er Jahren war er an den Planungen zur EXPO 58 in Brüssel in der Abteilung Städtebau des deutschen Pavillons beteiligt und als Kind seiner Zeit geprägt vom Technikfortschritt und Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit. Unter diesen Vorzeichen entwickelte er ab 1964 bis 1974 in freiberuflicher Tätigkeit die Corporate Identity für kerntechnische Gesellschaften wie den Lobbyverband „Deutsches Atomforum Bonn“ und gestaltete Druckschriften beziehungsweise konzipierte Ausstellungen zum Thema „friedliche Nutzung von Kernenergie“.

Das Schaffen des Bauhausschülers zweiter Generation wird beleuchtet, um Fragen zur Relevanz der Darstellung des Atoms in Kunst und Architektur unter dem Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit und des Lobby-ismus exemplarisch zu erörtern. Im Fokus der Arbeit steht die Ikonografie des Atoms an der Schwelle von der nachkriegsmodernen zur postmodernen Gesellschaft. Lässt sich eine Kohärenz zwischen dem gesellschaftlichen Stand der Atomkraft – von bedingungsloser Akzeptanz bis zur absoluten Ablehnung – und der Inszenierung der Atomthematik grafisch wie auch auf architektonischer Ebene nachzeichnen? Wie positionierte sich die Kunst und die Architektur im machtpolitischen Interagieren von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik? Welche Rolle nahmen die Medien ein – in einer Zeit, in der das Fernsehen für die breite Masse zugänglich wurde?

Dipl.-Ing. Manuela Gantner

 
 

Architektur und Atom: Tischgespräch mit Prof. Dr. Philipp Oswalt, Universität Kassel

Architektur und Atom – inspirierender Input, konstruktive Kritik: Welchen Einfluss hatten Politik und Atomlobby auf Kunst, Design und Architektur? Inwieweit spiegelte sich das technische Fortschrittsdenken in der Karlsruher Architekturfakultät — methodisch, konzeptionell, konstruktiv, ästhetisch? Und wie ausgeprägt war das utopische Denken in der Lehre? Dechiffrieren der historischen Figur Rolf Lederbogen im Kontext des sogenannten „Atomzeitalters“ und Fragen von Philipp Oswalt zur gestalterischen Perspektive in Bezug auf eine zukünftige (Architektur-)Ausbildung. 

Philipp Oswalt ist Architekt und Publizist sowie Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel. 2015 gründete er mit anderen die internationale Initiative projekt bauhaus. Er war leitender Kurator des Projektes Schrumpfende Städte für die Kulturstiftung des Bundes sowie Mitinitiator des Forschungsprojektes Urban Catalyst und des Projektes Volkspalast im Jahr 2004. Von 2009 bis 2014 war er Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Er ist Mitglied des Beirats der ARCH+.

 
 


 
 
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