Home | Impressum | KIT

WS 2011/12 Netz. Organisationsform und Leitmetapher

Foto: Naturstudien, Copyright: Frei Otto Werkarchiv, saai/KIT.

Netze gelten als besondere Form der Raumkonstruktion. Als Netzwerke können sie sowohl natürlich als auch technisch sein und lassen gerade deshalb die tradierte Unterscheidung von Natur und Kultur fraglich werden. Einerseits sind Netze einfache abstrakte Artefakte aus Knoten, Verknüpfungen und Relationen, andererseits ermöglichen und organisieren sie fortwährend neue vielschichtige Handlungs- und Erfahrungsräume. Die raumverwaltende Eigenschaft von Netzwerken wird besonders mit Blick auf die Geschichte von Infrastrukturen deutlich. Im 19. Jahrhundert hatten natürliche Räume neue Strukturen erhalten, die in erster Linie von technischen Netzwerken konstruiert und organisiert wurden: Karten, Diagramme und Graphen brachten Landschaften und Städte erstmals topographisch in einen systematischen Zusammenhang, Verkehrs- und Transportsysteme veränderten die Erreichbarkeit und Bedeutung von Ortschaften grundlegend und Kommunikationssysteme ordneten Daten- und Informationsflüsse und kontrollierten das Wissen als neue gesellschaftliche Ressource. Diese infrastrukturelle Vernetzung des Raumes brachte nicht nur neue Wahrnehmungsformen von Architektur und Stadt hervor, sondern legte auch die Grundlagen für eine medientechnisch kontrollierte Verwaltung der Umwelt, als Modellierung und Simulation. Mitte des 20. Jahrhundert begann eine neue Blütezeit der Netze. Im Licht von Automation, Kybernetik und Industriellem Bauen entwarfen Architekten Raumstrukturen, Wohnkapseln und globale Kommunikationssysteme. „Vernetzung“ hieß das Zauberwort, das in der damaligen Faszinationsrhetorik nicht selten in einem Atemzug mit der Auflösung des architektonischen Objektes und der Entmaterialisierung der Architektur genannt wurde.

Heute strahlt der Begriff eine eigentümliche Vertrautheit aus. Nicht trotz – sondern gerade wegen dieser Vertrautheit soll erneut nach dem Bedeutungsspektrum von Netzen/Netzwerken gefragt werden. Wie lässt sich heute über Netze von einem architektonischen Standpunkt aus diskutieren? Wie bedingen sich Netzwerk und Infrastruktur? Und welche Rolle spielt der Begriff des Netzes für den Entwurf städtebaulicher und gesellschaftlicher Utopien? Es geht um eine kritische Annäherung an einen Begriff, dessen Vielschichtigkeit das gesellschaftliche Selbstverständnis der Architektur und Stadtplanung grundlegend geprägt hat und zu einer schillernden Leitmetapher der Gegenwart avanciert ist.

Im Seminar steht eine begriffs- und architekturgeschichtliche Betrachtung von Infrastruktur-
netzen im Mittelpunkt. Ziel des Seminars ist, erstens, einen Überblick über das historische Gefüge zu bekommen, aus dem Infrastrukturnetze in Deutschland und Europa in den letzten 150 Jahren entstanden sind – kulturell, geographisch, politisch. Und, zweitens, anhand konkreter Fallstudien, Bausteine für ein infrastrukturell vernetztes Stadt- und Architekturverständnis zu entwickeln.


 
 
Karlsruher Institut für Technologie
Fakultät für Architektur
Institut Entwerfen, Kunst und Theorie

Fachgebiet Architekturtheorie
Englerstr. 7, Raum 254
D-76131 Karlsruhe
 
Leitung: Prof. Dr. Georg Vrachliotis
 
Sekretariat: Claudia Iordache
Tel.: +49 721 60845052
architekturtheorie@ekut.kit.edu
 
Öffnungszeiten: Mo-Mi 9:00-12:00
 
 
 
Recent Publications:  
 

    Frei Otto, Carlfried Mutschler, Multihalle

    May 18, 2018

    Georg Vrachliotis: Frei Otto, Carlfried Mutschler, Multihalle, Spector Books, Leipzig, 2017.

     
     

    Frei Otto. Thinking by Modeling

    May 18, 2018

    Georg Vrachliotis and Joachim Kleinmanns, Martin Kunz, Philip Kurz (ed.), Frei Otto. Thinking by Modeling, Spector Books, Leipzig, 2017.

     
     

    Fritz Haller: Architekt und Forscher

    May 18, 2018

    Laurent Stalder und Georg Vrachliotis (Hg.): Fritz Haller: Architekt und Forscher (Dokumente zur modernen Schweizer Architektur), gta Verlag, ETH Zürich, 2016.

     
     

    Geregelte Verhältnisse: Architektur und technisches Denken in der Epoche der Kybernetik

    May 18, 2018

    Vrachliotis, Georg (2012): Geregelte Verhältnisse: Architektur und technisches Denken in der Epoche der Kybernetik. Springer-Verlag Wien

     
     

    Structuralism Reloaded. Rule-Based Design in Architecture and Urbanism

    May 18, 2018

    Valena, Tomáš; Avermaete Tom; Vrachliotis, Georg (Hg.)(2011): Structuralism Reloaded. Rule-Based Design in Architecture and Urbanism. Edition Axel Menges, Stuttgart/London

     
     

    Code: Zwischen Operation und Narration

    May 18, 2018

    Gleiniger, Andrea; Vrachliotis, Georg (Hg.)(2010): 



 Code: Zwischen Operation und Narration. Reihe Kontext Architektur, Birkhäuser, Basel Ÿ Boston Ÿ Berlin

     
     

    Muster: Ornament, Struktur und Verhalten

    May 18, 2018

    Gleiniger, Andrea; Vrachliotis, Georg (Hg.)(2009): 



 Muster: Ornament, Struktur und Verhalten. Reihe Kontext Architektur, Birkhäuser, Basel Ÿ Boston Ÿ Berlin

     
     

    Komplexität: Entwurfsstrategie und Weltbild

    May 18, 2018

    Gleiniger, Andrea; Vrachliotis, Georg (Hg.)(2008): 



 Komplexität: Entwurfsstrategie und Weltbild. Reihe Kontext Architektur, Birkhäuser, Basel Ÿ Boston Ÿ Berlin

     
     

    Simulation: Präsentationstechnik und Erkenntnisinstrument

    March 12, 2018

    Gleiniger, Andrea; Vrachliotis, Georg (Hg.)(2008): 



 Simulation: Präsentationstechnik und Erkenntnisinstrument. Reihe Kontext Architektur, Birkhäuser, Basel Ÿ Boston Ÿ Berlin